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Offener Brief der Redaktion der Berliner Zeitung

Offener Brief der Redaktion der Berliner Zeitung

07.04.2011 - Die Redaktion der Berliner Zeitung hat sich mit einem Offenen Brief an die  Chefredaktionen von Berliner Zeitung, DuMont-Redaktionsgemeinschaft und Frankfurter Rundschau, die Verlagsleitung des Berliner Verlages sowie den Publizistischen Beirat von DuMont gewandt.

Die Redaktion bezeugte ihre Solidariät mit den Beschäftigten der Frankfurter Rundschau und kritisierte die Umbaupläne, die auch den Berliner Standort betreffen: "Wir fordern daher eine ehrliche Planung, die nicht in erster Linie Sparvorgaben erfüllt, sondern eine solide Zeitungsproduktion ermöglicht. Auf keinen Fall werden wir akzeptieren, dass durch inhaltliche Gleichmacherei, ein standardisiertes Layout oder sonstige fragwürdige ,Synergie'-Maßnahmen Charakter und Identität der Berliner Zeitung Schaden nehmen."


Offener Brief der Redaktion der Berliner Zeitung 
 


An die Chefredaktionen von Berliner Zeitung, DuMont-Redaktionsgemeinschaft und Frankfurter Rundschau, die Verlagsleitung des Berliner Verlages sowie den Publizistischen Beirat von DuMont

 

Zur Zukunft der Berliner Zeitung


Was mit der Frankfurter Rundschau geschieht, lässt uns, die Redaktion der Berliner Zeitung, nicht kalt. Unser eigener Standort Berlin gewinnt innerhalb des Verlages zwar an Bedeutung. Dal dies aber auf Kosten der Frankfurter Kollegen geschieht, gibt es auch für uns keinen Anlass zur Freude oder gar zur Dankbarkeit wegen dieser Entscheidung. Denn die Frankfurter Kollegen müssen für die Fehler anderer büßen. Die finanziellen Verluste der FR sind nicht durch die journalistische Arbeit der Redaktion, sondern durch Missmanagement und Konzeptionslosigkeit im Verlag entstanden. Die FR-Redaktion ist insofern nur das späte Opfer. Ihr Engagement, ihre Bereitschaft zum Verzicht, ihre Hoffnung auf eine Zukunft der FR als eigenständige Zeitung mit vollständiger Redaktion waren vergebens.

Der Umgang mit den Kollegen der FR empört uns. Zumal wir wissen, dass wir und andere in wenigen Jahren vor der gleichen Situation stehen können. Wir werden die Frankfurter Kollegen daher solidarisch unterstützen, wo wir können.

Wir sehen die Pläne des Verlags aber auch sehr skeptisch mit Blick auf die Arbeitsfähigkeit des Berliner Standorts. Alle künftig in Berlin arbeitenden Redakteurinnen und Redakteure sollen zusätzlich zur Berliner Zeitung bis zu 40 Seiten täglich: die im Tabloid-Format erscheinenden überregionalen Seiten der FR in den Ressorts Politik, Meinung und Wirtschaft, Panorama, Sport, Feuilleton und Magazin.  Bereits jetzt ist absehbar: Dafür reicht das in Berlin geplante zusätzliche Personal bei weitem nicht aus. Aus nahezu allen Ressorts und Abteilungen kommen begründete Warnungen, dass die Kalkulationen keinesfalls praxistauglich sind.

Wir fordern daher eine ehrliche Planung, die nicht in erster Linie Sparvorgaben erfüllt, sondern eine solide Zeitungsproduktion ermöglicht. Auf keinen Fall werden wir akzeptieren, dass durch inhaltliche Gleichmacherei, ein standardisiertes Layout oder sonstige fragwürdige „Synergie“-Maßnahmen Charakter und Identität der Berliner Zeitung Schaden nehmen.

Die Redaktion hat eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich der Probleme annimmt und sie immer wieder ansprechen wird. Die Einbeziehung der Redaktion darf nicht darin bestehen, fertige Planungen umzusetzen. Wir fordern eine zügige Beteiligung an allen Planungen. Wir nehmen zur Kenntnis, dass die Chefredaktion Gesprächsbereitschaft signalisiert hat. Die Hoffnung von Chefredaktion und Berliner Verlagsleitung jedoch, dass in Berlin wegen der vergleichsweise günstigen Situation verlässliche Ruhe herrschen wird, bis die Grausamkeiten in Frankfurt vollstreckt sind, wird sich nicht erfüllen.

Wir, die Redaktion, machen die Zeitung für unsere Leser. Es kann und darf nicht darum gehen, künftig nur noch irgendwie zwei Blätter vollzukriegen. Wir wollen, dass die publizistische Weiterentwicklung beider Zeitungen, der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau, nicht länger stagniert. Beide Zeitungen sind bislang eigenständig, beide haben ein unverkennbares Profil, eine regionale und kulturelle Identität, die auch die jeweilige Leserschaft kennt und schätzt. Verlag und Redaktionen müssen es schaffen, diese Profilierung zu erhalten und zu entwickeln.

Vor fünf Jahren hat die Redaktion der Berliner Zeitung ein Redaktionsstatut durchgesetzt, das verbindlicher Bestandteil aller Arbeitsverträge geworden ist. Es dient der Qualitätssicherung und der Vergewisserung über das Selbstverständnis des Blattes. Wir wollen, dass dieses Statut, das auch Mitsprache- und Vertretungsrechte der Redaktion regelt, künftig für den gesamten redaktionellen Teil des Berliner Standorts gilt – also nach jetzigem Stand für alle Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion der Berliner Zeitung, der bisherigen DuMont Redaktionsgemeinschaft und der neuen DuMont-Redaktion GmbH.


Darüber hinaus lehnen wir es ab, dass aufgrund der unterschiedlichen Vertragsverhältnisse am künftigen Berliner Standort nicht das Prinzip des gleichen Lohns für gleiche Arbeit gelten soll – obwohl die Redaktionsteile integriert sein sollen, also alle mit allen zusammenarbeiten. Es ist dramatisch genug, dass derzeit nur die BLZ-Redakteursverträge tarifliche Verträge sind. Wir fordern diesen Standard künftig für alle Verträge in Berlin.


Für die Redaktion der Berliner Zeitung
Der Redaktionsausschuss