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24. Journalistentag der dju und der Fachgruppe Medien in ver.di in Berlin: Tiefgründige Recherche braucht Professionalität, Geld, Zeit und Beharrlichkeit

29.11.2010 - Zum Thema „In die Tiefe! Recherche: Handwerk – Kunst – Notwendigkeit“ diskutierten am 27. November 2010 in Berlin 240 Teilnehmer auf dem 24. Journalistentag der deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union und der Fachgruppe Medien in ver.di. In seiner Begrüßung betonte Frank Werneke, stellv. ver.di-Vorsitzender, dass Recherchequalität und Qualitätsjournalismus ihren Preis hätten. Das sei die Haltung von ver.di in den aktuellen tariflichen Auseinandersetzungen für Redakteurinnen und Redakteure an Tageszeitungen und Zeitschriften. Ginge es nach den Verlegern, würden sie neue Tarifverträge nur mit schlechteren Konditionen wie der Streichung des Urlaubsgeldes abschließen. Deshalb warb Werneke dafür, den Kürzungsplänen der Verleger energischen Widerstand entgegenzusetzen.
Auf die „Doppelbödigkeit“ des Mottos „In die Tiefe!“ machte Hans Leyendecker, Redaktion Investigative Recherche der „Süddeutschen Zeitung“,  in seinem Referat aufmerksam. Es ginge sowohl „um Tiefgang“ im Journalismus als auch um die Frage, „wann der Boden erreicht ist“. Das Handwerk der Rechercheure sei an Bedingungen geknüpft, die zunehmend in Frage gestellt würden, wenn man Qualität auf dem Altar des Anzeigen- und Werbegeschäfts opfere, Journalismus mit PR und Wirtschaft verquicke und die Journalisten zu „Büchsenspannern und Handlangern von Lobbyisten“ verkommen lasse. Die ökonomische Krise habe das Niveau der Arbeit nicht verbessert. So befänden sich etwa öffentliche-rechtlichen Sender unter der Knute der Quote in einer thematischen Abwärtsspirale. Auch technische Innovationen und aktuelle Marktentwicklungen beeinflussten die Lebensfähigkeit des Journalismus „Wer kauft Leichen, vor allem, wenn sie in Papier eingewickelt sind?“, fragte Leyendecker nach der Zukunft der Printmedien. Noch sei hierzulande die Zeitungslandschaft mit 353 Verlagen und etwa 1500 Lokalredaktionen auch im internationalen Vergleich sehr lebendig. Die Journalisten hätten sich vor allem selbst zu befragen. Obwohl in den letzten Jahren vielerorts spezielle Rechercheressorts entstanden seien, werde in der Praxis das normale Handwerk ordentlicher Recherche oft mit investigativem Journalismus gleichgesetzt. Allein durch die Haltung „wir sind alle Jäger“, auf der Spur, Leute anzuprangern und Exklusivgeschichten zu erhaschen, sei investigativer Anspruch nicht erfüllt. Vielmehr ginge es um „beharrliches Dranbleiben, die unabhängige, kritische Art, Themen zu setzen“. Es gelte „den Leser im Blick zu haben, ohne sich von ihm korrumpieren zu lassen.“
Ein Plädoyer für die selbstbewusste Nutzung bestehender gesetzlicher Auskunftsrechte hielt Dr. Manfred Redelfs. Der Recherchechef von Greenpeace verwies auf gesetzliche Grundlagen wie das Informationsfreiheitsgesetz und zeigte an praktischen Beispielen, etwa aufgedeckten Agrarsubventionen, wie das „Schweigen der Ämter“ zu überwinden und Auskünfte von Behörden in Bund und Ländern besser für Faktensammlung und Themenfindung zu nutzen seien.
Wie sich spezielle Rechercheredaktionen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch besser als  „Dienstleister für alle Sender und Wellen“ profilieren können, erörterte Erwin Kohla von der SWR-Redaktion „Reporter und Recherche“. Er sprach sich für Nachhaltigkeit trotz Schnelllebigkeit aus und forderte, journalistische Ressourcen mehr dort einzusetzen, wo ein Medium sein Profil ausprägen könne.
Große Herausforderungen für eine Qualitätsoffensive des Journalismus unter den Prämissen des Sparzwanges machte Dr. Uwe Röndigs vor allem in der Lokalberichterstattung aus. Tiefgründige Recherche stünde hier oft in Konkurrenz zur „Chronistenpflicht“. Doch wer im Lokalressort mehr Recherche wolle, „braucht Redaktion, keine Task-Force“, erklärte der Redaktionsleiter des „Weilburger Tageblatts“.  Tiefgang sei „Aufgabe der Gesamtredaktion“, erfordere neben den materiellen Voraussetzungen aber auch Nachdenken über journalistisches Selbstverständnis, die Lösung innerer Spannungen und ein „barrierefreies Rechercheklima“.

Mit provokativen Gedanken zur Frage „Wozu noch Journalismus?“ wurde der Journalistentag abgeschlossen. Prof. Stephan Weichert von der Macromedia Hochschule für Medienwissenschaft und Kommunikation Hamburg warf den Medienmachern Unwillen vor, über die eigene Zukunft nachzudenken und zu analysieren, was sie bei der Ausübung ihres Berufes behindert. Journalismus sei seit jeher „innovationsgetrieben“ und müsse sich auch „von innen heraus“ erneuern. Unternehmerisches und vernetzteres Denken sie dabei ebenso nötig wie ein fundamentaler Wandel der „Infomationsarchitektur“ im Lande. Weichert sprach sich für den Erhalt des Journalismus als vierte Gewalt aus und regte einen nationalen Fonds für Qualitätsjournalismus an, um Urheber direkter an Medieneinnahmen zu beteiligen.