Nachrichten

Gefährliche Nähe: 25. dju-Journalistentag debattierte Einflussnahme …

Gefährliche Nähe: 25. dju-Journalistentag debattierte Einflussnahme und Agenda-Setting in den Medien

27.11.2011 - Erst nachdem die Wasserwerfer gesprochen hatten, änderte die Stuttgarter Zeitung die imaginäre „Blattlinie“ pro Bahnprojekt Stuttgart 21, fand auch der Widerstand eine Stimme, meinte der frühere Chefreporter Josef-Otto Freudenreich. Bis dahin hätten er und seine Kollegen „zu wenig Sensibilität, Nachdenken und Recherche“ an den Tag gelegt und sich „von dem entfernt, was draußen passierte“ Mit solchen Statements begann der 25. Journalistentag der dju in ver.di, der sich diesmal mit den Thema „Unter Einfluss – Agenda-Setting in den Medien“ befasste.

Über „gefährliche Nähe“ und interessengeleitete Fremdeinflüsse auf Journalisten debattierten in Berlin fast 150 interessierte Praktiker, Gewerkschafter und Wissenschaftler. Dabei ging es um ein „berufspolitisches Thema, das im journalistischen Alltag eine Rolle spielt, wie kaum ein anderes“, hatte der dju-Vorsitzende Ulrich Janßen zur Eröffnung festgestellt.

 „Journalisten stehen jeden Tag unter erheblichem Einfluss. Das ist nicht zu beklagen, sondern zu analysieren“, forderte Kurt-Peter Christophersen, ehemaliger Lokalchef des Stader Tageblatt mit Blick auf Beispiele und Methoden solcher Einflussnahme durch Politik und Wirtschaftsvertreter. Es komme darauf an, dass Journalisten “mental und materiell so ausgestattet sind“, dass sie trotz solcher Anfechtungen ihren Aufgaben ausgewogener Berichterstattung nachkommen und „innere Pressefreiheit“ auch im eigenen Verlag durchsetzen. „Die objektiven Verhältnisse und das Materielle sind auch wichtig. Das Entscheidende aber ist, was in unseren Köpfen drin ist. Oft fehlt die Zivilcourage, der Mut, die Kampfbereitschaft, unbequem gegen den Mainstream anzuschwimmen“, bekräftigte  Josef-Otto Freudenreich, der heute als Redaktionsleiter der Internet-Wochenzeitung Kontext das Thema Stuttgart 21 intensiv weiter verfolgt.

Doch nicht nur in der Lokal- oder Landespolitik sehen sich Journalisten offener oder subtiler Beeinflussung ausgesetzt. Im Wirtschaftsbereich oder in Forschungsfragen würden ihnen oft  „Studien“ oder „Experten“ offeriert, deren Statements im journalistischen Alltag nicht immer gegengeprüft würden. Dass derartiger Lobbyismus durchaus Instrument zur Manipulation von Medien und Öffentlichkeit sein kann, erörterte Günter Bartsch, freier Journalist aus Berlin und Geschäftsführer des Netzwerk Recherche e.V. auch an Beispielen aus der Lebensmittel- und Pharmaindustrie. Er empfahl, mehr Sorgfalt und Zeit auf die Recherche von Vernetzungen und Hintergründen zu verwenden. Cornelia Haß, die neue Geschäftsführerin der dju in ver.di, warf einen Blick zurück auf die Karstadt-Rettung im vergangenen Jahr, als sich PR-Profis einen  erbitterten Kampf um den geeigneten Investor boten und in den Medien vielfach „Zerrbilder der tatsächlichen Hintergründe“ gespiegelt wurden. ver.di habe mit offensiver und seriöser Öffentlichkeitsarbeit beigetragen, „dass seinerzeit nicht Gold- und Ackermänner die alleinige Deutungshoheit gewannen“.

Wie „Agenda-Setting“ auch für die Schaffung einer demokratischen Gegenöffentlichkeit genutzt werden kann und sollte, erklärte Volker Gaßner, Pressechef von Greenpeace, an aktuellen Online-Kampagnen der Organisation. Über Plattformen wie „GreenAction“ würden monatlich 30 000 bis 40 000 Mitmacher aktiviert, die eine offene Community zum Meinungsaustausch bildeten, sich aber auch zu praktischen  Aktionen verabredeten. Dass die Neuen Medien zur Demokratisierung der Kommunikation beitragen können, war auch die zentrale These von Thomas Wiegold, der mit seinem Blog „Augen geradeaus!“ die Verteidigungs- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik sachkundig und kritisch begleitet. Auch Bundeswehrangehörige als „fachkundige Kommentatoren“ kämen dort zu Wort. Wiegold sieht derartige Blogs als  „journalistische Medien, zu denen jeder beitragen kann“.

Dass sich die Arbeitsbedingungen der Journalisten in den vergangen Jahren kaum verbessert haben und dass „die Fähigkeit, sich selbst und die eigenen Tätigkeit kritisch zu reflektieren,“ dadurch nicht gefördert werde, erläuterte abschließend Medienwissenschaftler Prof. Vinzenz Wyss aus Winterthur. Aktuelle Studien auf Basis von Journalistenbefragungen in der Schweiz verweisen auf abnehmende Arbeitsplatzsicherheit, stagnierendes Einkommen und wenig Gelegenheit zur Weiterbildung. Wyss riet, auch im Zusammenhang mit der künftigen Förderung und Finanzierungsmodellen von Journalismus verstärkt über Qualitätssicherung und entsprechende Selbstverpflichtungen nachzudenken.